Dies ist eine nicht unberechtigte Frage. Warum sollten wir viel Zeit und damit Geld in eine Software stecken, die seit Jahren nicht mehr gepflegt wird und die technisch auf dem Stand von 1988 ist? Das macht so ziemlich überhaupt keinen Sinn. In der heutigen Zeit sind solche Programme nicht einmal mehr Nischenprodukte. Heute - also 2017 - ist eine Software in der “Cloud” oder auf dem Mobiltelefon bzw. Tablet einsetzbar. Die Web Lösungen können von überall eingesetzt werden und bieten alles, was man so braucht. Also warum wird der Aufwand betrieben und so eine alte Software wiederbelebt? Haben wir nichts besseres zu tun? Warum schreiben wir die Software nicht einfach neu?

Genau das haben wir seit 1992 immer wieder gedacht. Leider wurde das von uns verwendete Entwicklungssystem nicht mehr gepflegt und der Hersteller ist gänzlich verschwunden. Also war an eine Aktualisierung nicht zu denken.

Einige Anwender kennen noch unsere Versuche, GENprofi als Web Lösung zu bereitzustellen. Auch eine Windows/Mac Lösung war in Arbeit. Aber irgendwie fühlte sich das nie “richtig” an. Und wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, ist etwas falsch und dann lässt man die Finger davon — ich korrigiere: man sollte die Finger davon lassen.

So dümpelte GENprofi so vor sich hin und das erstaunliche ist, dass die Anwender immer noch mit der Software arbeiten. Obwohl mittlerweile die Hürde für einen Einsatz sehr hoch ist (es läuft nur noch unter den Betriebssystemen XP oder Vista, die beide nicht mehr von Microsoft unterstützt werden oder mit Klimmzügen in der DOS Box) setzen immer noch eine Reihe von Anwendern dieses Programm ein.

Wir haben uns nie die Frage gestellt, warum diese Leute diese Software immer noch einsetzen. Wir haben uns immer nur die Frage gestellt, wie wir das Programm “modernisieren” könnten ohne unsere Alt-Anwender zu verlieren.

Vor einem Jahr kontaktierte uns ein Anwender und wies uns darauf hin, dass es eine Alternative zu dem von uns verwendeten Entwicklungssystem gibt, die als Open Source verfügbar ist. Wir haben uns das angeschaut und festgestellt, dass das durchaus umsetzbar ist. Der ersten Euphorie folgte die Ernüchterung, denn der Aufwand war doch recht hoch und wenn man das Programm modernisieren wollte, muss man viel Zeit investieren.

Es ließ uns aber die ganze Zeit nicht los. Dann habe ich versucht, meiner mittlerweile erwachsenen Tochter das GENprofi Programm zu erklären. Das erstaunliche ist, dass sie das Programm scheinbar mühelos verstanden hat und damit arbeiten konnte. Sie hat auch die Dokumentationen überarbeitet und viele Screenshots neu erstellt. Also hat sie sich tatsächlich mit dem Programm aus der Computer Steinzeit beschäftigt. Rückfragen ergaben, dass man damit verdammt schnell die Daten erfasst bekommt und es weitgehend intuitiv zu bedienen ist, wenn man es erstmal kapiert hat.

Das hat mich daran erinnert, dass ich heute selber noch mit uralten Programmen arbeite. So ist mein Lieblings-Editor Emacs, der heute immer noch so arbeitet wie vor 30 Jahren. Klar hat der sich modernisiert und weiterentwickelt, aber im Prinzip tickt das Ding heute noch so wie früher. Für Nicht-Eingeweihte ist die Benutzung des Emacs ein Buch mit sieben Siegeln, aber wen man den einmal kapiert hat, ist der einfach nur genial.

GENprofi GP4 ist meilenweit von der Genealität eines Emacs entfernt, hat aber offensichtlich eine Gemeinsamkeit: das Programm tickt heute immer noch so, wie vor 25 Jahren. Viele der heutigen Anwender nutzen das Programm auch schon 25 Jahre und genau das ist der Punkt.

Offensichtlich deckt das alte GENprofi Programm den Bedarf vieler Anwender und sie haben sich an die Benutzung gewöhnt. Ein Umstieg auf eine neue Software ist immer eine Lernschwelle und wenn man sich die sparen kann, weil das neue Softwareprodukt vielleicht das eine oder andere des alten GENprofi Programms nicht hat, dann bleibt man bei dem gewohnten Programm. So einfach ist das. Wenn man nicht gezwungen wird auf neue Programme umzusteigen, warum soll das alte, funktionierende Programm, ersetzt werden?

In den letzten Monaten hatten wir zu vielen Anwendern Kontakt und das wichtigste war, dass das neue Programm so tickt wie das alte Programm.

Seien wir ehrlich. Warum soll ein 80 jähriger GENprofi Nutzer, der das Programm seit 20 oder mehr Jahren einsetzt, die Benutzung erneut erlernen müssen, bloss weil wir eine graphische Oberfläche haben oder eine Web Lösung bereitstellen? Welchen Nutzen hat er davon? Kann er nun sein Kirchenbuch schneller erfassen? Wohl kaum.

Daher ist unsere vordringlichste Aufgabe, das Programm auf neueren Betriebssystemen lauffähig zu bekommen. Der Sinn steckt darin, dass die Anwender, die dem Programm auch heute noch die Treue halten, nicht gezwungen werden, alles neu zu erlernen.

Wenn wir dies erreicht haben, dann können wir die nächsten Schritte unternehmen und interessante Weiterentwicklungen angehen. Denn mit der neuen Entwicklungsumgebung ist all das möglich geworden.